Mitarbeiterporträts

Torwart und Techniker

Sturm, Viererkette, Tor: Im Fußball hat Omar Said schon überall gespielt. Seine Flexiblität kommt ihm jetzt als Azubi zum Maschinen- und Anlagenführer bei Sealable Solutions zugute

von Michael Aust

· Lesezeit 5 Minuten.
Passt alles?: Angehende Anlagenführer wie Omar Said lernen jede Maschine genau kennen und verstehen. Foto: KAUTSCHUK/Wiegand Sturm

Waltershausen. Omar Said muss nicht weit radeln, um seine Ziele zu erreichen. Drei Minuten sind es bis zur Sportanlage Gothaer Straße, auf der sein Fußballverein trainiert. Der Imbiss, den seine Familie im Ort betreibt? Mal eben ums Eck. Und das Unternehmen, in dem der 18-Jährige gerade eine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer gestartet hat: „Vielleicht einen Kilometer von zu Hause.“ Nähe zählt – auch für Saids Ausbildungsbetrieb Sealable Solutions. Der Kautschuk-Spezialist produziert weltweit gefragte Dichtungs- und Isolationslösungen. Waltershausen in Thüringen ist der einzige Standort. „Deshalb tun wir viel, um Fachkräfte aus der Region zu gewinnen“, sagt Personalleiterin Anika Bessing-Schmidt.  

Tunnel, Windräder und Bahngleise

Bei Omar Said waren es Bekannte, die ihm von Sealable erzählten. Freunde seines Bruders arbeiten schon länger im Unternehmen. „Ich fand interessant, was sie machen“, sagt er. „Dass viel mit Technik gearbeitet wird, zum Beispiel.“ Und dass Sealable-Produkte überall auf der Welt Probleme lösen. Das 12.000-Einwohner-Städtchen, gelegen zwischen Eisenach und Gotha, ist seit mehr als 200 Jahren für seine Kautschuk- und Gummiprodukte bekannt. Heute hat Continental hier ein Elastomer-Werk. Auf demselben Campus stehen die Werkhallen von Sealable Solutions. 

Handarbeit: Omar Said rollt mit Schichtleiterin Katja Müller Profile für Terrassenüberdachungen auf. Foto: KAUTSCHUK/Wiegand Sturm

Handarbeit: Omar Said rollt mit Schichtleiterin Katja Müller Profile für Terrassenüberdachungen auf. Foto: KAUTSCHUK/Wiegand Sturm

Wer Omar Said an seinem Arbeitsplatz besucht, kommt durch ein Treppenhaus mit etagenhohen Fotos. Offshore-Windräder auf hoher See, eine Straßenbahn, die aus einem Tunnel fährt: Die Bilder zeigen, wo Produkte „made in Waltershausen“ überall im Einsatz sind. „Die Kabel am Meeresgrund, die Strom aus den Windparks an Land leiten, sind mit unseren Profilen ummantelt“, erklärt Personalleiterin Bessing-Schmidt. Auch in vielen Tunneln weltweit steckt Dichtungstechnik aus Thüringen – etwa in der Pariser Metro oder der längsten Eisenbahnröhre Norwegens. „Und in Städten wie Berlin sorgen unsere Gleisbettmatten dafür, dass Straßenbahnen leise fahren“, ergänzt der Azubi Said. 

Seine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer im Bereich Kunststoff und Kautschuk ist neu bei Sealable. „Omar ist einer der ersten beiden Azubis, die sie durchlaufen“, erklärt Bessing-Schmidt. Bislang konnten sich gewerbliche Azubis hier in drei Jahren zum Verfahrensmechaniker (heute: Kautschuk-Technologe) ausbilden lassen. Das neue, zweijährige Angebot mache es Bewerbern leichter, erklärt die Personalleiterin: „Zum einen braucht es dafür nur den Hauptschulabschluss. Zum anderen ist die Ausbildung noch praxisorientierter und geht in Fächern wie Chemie oder Kunststofftechnik weniger ins Detail.“    

Erfolgreicher Kicker: Mit dem FSV Walterhausen hat Omar Said schon Pokale gesammelt (Bild unten). Fotos: privat; KAUTSCHUK/Wiegand Sturm

Erfolgreicher Kicker: Mit dem FSV Walterhausen hat Omar Said schon Pokale gesammelt (Bild unten). Fotos: privat; KAUTSCHUK/Wiegand Sturm

Kernkompetenz: Flexibel bleiben 

Was Azubis bei Sealable dagegen unbedingt brauchen: die Fähigkeit, schnell umzuschalten im Kopf. „Man muss anhand der Zeichnung verstehen, was an einer Maschine produziert wird“, erklärt Schichtleiterin Katja Müller, die Said in den ersten Monaten der Ausbildung eng betreut. Und das kann vieles sein. Die Produktpalette bei Sealable reicht von Gummiprofilen für Fenster oder Terrassenüberdachungen bis hin zu Dämpfungslösungen für die futuristische „Hyperloop“-Teststrecke im bayerischen Ottobrunn. Wer das nicht kennt: Dieses neuartige Transportsystem soll Menschen in Kapseln mit unglaublicher Geschwindigkeit befördern. „Man macht jeden Tag was anderes“, sagt Anlagenführerin Müller. Und für jedes Produkt müssen Kennzahlen wie Temperatur und Drehzahl an der Maschine eingestellt werden. 

Sich immer wieder auf Neues einstellen: Das kennt Omar Said aus seinem Fußballverein. „Beim FSV Waltershausen hab ich schon alles gespielt, von Abwehr über Mittelfeld bis Sturm“, sagt der Azubi. Im Moment fehlt der Torwart im Team, deshalb stehe er jetzt zwischen den Pfosten. „Ich spiele da, wo ich gebraucht werde.“ Gebraucht würde er wohl auch im Betrieb seines Vaters, einer Imbissbude im Ortskern von Waltershausen. „Ich habe schon oft in unserem Familienbetrieb mitgearbeitet, aber auf Dauer wäre das nichts für mich“, sagt er und lacht. Als Betreiber eines Döner-Imbisses habe man gefühlt drei Tage Urlaub im Jahr. 

Karriere machen mit Kautschuk

In der Industrie dagegen gibt es 30 Tage – und sogar Aufstiegschancen. „Ich könnte mir vorstellen, irgendwann Schichtleiter zu werden“, sagt Said. „Vielleicht kann ich auch in die Entwicklung gehen.“ Dafür müsste er nach der Ausbildung nicht einmal die Firma wechseln: Bei Sealable kümmert sich eine eigene Entwicklungsabteilung darum, Geometrien für neue Profile zu entwerfen. 

Aber das ist noch Zukunftsmusik für den angehenden Maschinen- und Anlagenführer. Im Moment geht es für ihn vor allem ums Zuhören und Verstehen. „Es ist wichtig, dass ich die Maschinen kennenlerne. Irgendwann muss ich sie schließlich selbst bedienen können“, sagt der junge Mann.

Für ihn fühlt sich die Ausbildung zumindest bisher wie ein Heimsieg an, sagt Said: „Das ist doch der Jackpot: eine gute Firma finden, die auch noch in der Nachbarschaft ist.“ Und weil er als Azubi im ersten Lehrjahr nur Frühschichten übernehmen darf, muss der FSV Waltershausen beim Training auch nicht auf seinen Torwart verzichten. Das wäre nämlich schlecht: Das Team steht Anfang Februar auf einem Abstiegsplatz.

 

Sealable Solutions – die Fakten

Sealable Solutions produziert im thüringischen Waltershausen Dichtungs- und Isolationslösungen auf Kautschukbasis für die Industrie, den Gleis- und Tunnelbau. Die Gummi-Industrie ist in der ­Region tief verwurzelt: Vor mehr als 200 Jahren schon stand hier eine Schlauchfabrik. In der DDR war Waltershausen der größte Standort der Gummi-Industrie des Landes. Nach der Wende übernahm die Phoenix AG Hamburg, später ContiTech. Es folgten diverse Übernahmen. 2020 entstand Sealable Solutions mit heute 163 Beschäftigten.

  • PDF